Dr. Posch: „Entscheidend ist, dass Arzt und Patient in die gleiche Richtung steuern“

Beim letzten Acne inversa-Gesprächsnachmittag waren Dr. Christian Posch und seine Kollegin Dr. Antonia Wiala von der Abteilung Dermatologie an der Rudolfstiftung zu Gast. Die engagierten Dermatologen betreuen unter anderem Menschen mit Acne inversa an der neu etablierten Spezialambulanz an der Rudolfstiftung. Im Interview mit AI Online spricht Dr. Christian Posch darüber, wie es zu den schmerzhaften Hautentzündungen kommt und wie man sie erfolgreich kontrollieren kann.

Eine Erkrankung mit zwei Bezeichnungen: Hidradenitis suppurativa bzw. Acne inversa. Welcher Begriff ist Ihrer Meinung nach präziser?

Dr. Posch: Die Acne inversa beinhaltet das Wort „Acne“, was schnell auf eine gewöhnliche Akne mit typischen Pusteln und Komedonen (Mitesser) schließen lässt. Abszesse und eitrige Knoten treten zwar auch bei einer Acne inversa auf, jedoch sind hier typischerweise die „inversen“, also nach innen gerichteten Hautareale wie Achseln und Leisten betroffen. Aus diesem Grund scheint die medizinische Bezeichnung Hidradenitis suppurativa (HS) geeigneter zu sein.

Wie äußert sich nun die Hidradenitis suppurativa genau?

Dr. Posch: Bei der HS kommt es typischerweise zu Entzündungen an Stellen, wo die Haut aneinander reibt wie beispielsweise unter den Achseln, der Brust, in der Leistengegend oder am Po. Frauen leiden besonders häufig an Entzündungen im Intimbereich. Wenn die Entzündungen bestimmte abgegrenzte Hautareale betreffen, kann man von einer lokalisierten Form der HS sprechen.

Bei der generalisierten Form der HS kann die Entzündung überall auftreten. Diese schwere Form der HS ist zum Glück seltener und stellt Dermatologen vor besondere Herausforderungen, denn sie ist noch schwieriger zu behandeln. Derzeit laufen viele Forschungen an der Rudolfstiftung, um die Erkrankung und die Vorgänge im Körper besser zu verstehen.

Prinzipiell gilt: Je früher HS erkannt und therapiert wird, desto besser die Chance, dass die Erkrankung in ihrer Ausprägung gelindert oder gar gestoppt werden kann.

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Welche Risikofaktoren begünstigen eine Hidradenitis suppurativa?

Dr. Posch: Aus unserer Erfahrung an der Rudolfstiftung sind viele Patienten starke Raucher. Sie konsumieren im Schnitt etwa eine Packung pro Tag über zwei Jahrzehnte. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Es gibt Hinweise, dass HS auch in der Familie weitervererbt werden kann.

Zudem sind viele Patienten übergewichtig. Dadurch steigert sich auch das Risiko für das metabolische Syndrom, das beispielsweise Diabetes, erhöhte Blutfette oder einen erhöhten Blutdruck umfasst. Dies wiederum erhöht auch das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall).

Einige Patienten mit HS haben auch andere entzündliche Erkrankungen. Offensichtlich spielt eine erhöhte entzündliche Aktivität im Körper bzw. eine Fehlsteuerung des Immunsystems eine Rolle bei HS. In unserem klinischen Alltag sehen wir einige Patienten mit HS, die auch eine chronisch entzündliche Darmerkrankung haben (z.B. Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa). Deshalb erfragen wir auch, ob es Verdauungsprobleme oder Unverträglichkeiten gibt. Manche vertragen beispielsweise keine Schokolade oder keinen Alkohol und merken einen Zusammenhang mit der Krankheitsaktivität.

Wie kann der Verlauf der Erkrankung beeinflusst werden?

Dr. Posch: Jeder muss dazu beitragen aktiv der Erkrankung zu begegnen, auch wenn das oft sehr schwer fällt. Aber nur wenn Arzt UND Patient in die gleiche Richtung steuern, können Beschwerden erfolgreich kontrolliert werden.

Was können Menschen mit Hidradenitis suppurativa von sich aus konkret tun?

Dr. Posch: Bei Übergewicht, kann ein Gewichtsverlust nicht nur den Verlauf der Hidradenitis suppurativa (HS) verbessern, sondern mindert auch das Risiko für ein metabolisches Syndrom und Herzkreislauf-Erkrankungen. Dazu gibt es auch wissenschaftliche Belege.

Auch das Rauchen hat einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Aus unseren bisherigen Erfahrungswerten sehen wir, dass Patienten besser auf Therapien ansprechen, wenn sie mit dem Rauchen aufhören. Es braucht aber Zeit, bis sich der Organismus umstellt und Erfolge sichtbar werden. Die Chance auf Remission, das heißt Krankheitsstillstand, wird durch einen Rauchstopp wesentlich begünstigt.

Nassrasuren wie auch das Epilieren oder Laserentfernen sind eher ungünstig und scheinen den Verlauf eher negativ zu beeinflussen. Durch Rasuren kommt es zu kleinen Verletzungen an der Haut, die wiederum Eintrittspforte für verschiedenste Keime sein können. Dass Keime bei HS mitunter eine Rolle spielen, ist erwiesen.

Was kann man sich von der Behandlung einer Hidradenitis suppurativa erwarten?

Dr. Posch: Im ersten Schritt geht es darum, Ziele zu vereinbaren und die Erwartungshaltung zu definieren. Dafür grundlegend sind der bisherige Krankheitsverlauf und die aktuelle Krankheitsaktivität. Es ist wichtig, sich in enger Abstimmung mit dem Arzt realistische Ziele zu stecken, die ein besseres Leben mit der Erkrankung ermöglichen.

Nach den europäischen Therapie-Richtlinien gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Beschwerden der HS zu lindern. Je nach Schwere der Erkrankung stehen unterschiedliche Therapien oder operative Ansätze zur Verfügung.

Wie werden milde Formen der Hidradenitis suppurativa behandelt und was kann man bei einem Schub tun?

Bei milden Formen der HS treten die Entzündungen häufig am Haarfollikel auf. Hier eignen sich lokale Therapeutika, beispielsweise in Form von Lösungen, Salben und Cremen zum Auftragen auf die Haut. Bei stärkeren Formen bzw. bei einem akuten Schub werden auch Antibiotika zum Schlucken angewendet, da sie schnell Abhilfe verschaffen indem sie Bakterien töten bzw. in ihrem Wachstum bremsen und die Entzündung mildern. Auch Kortison in Form von Injektionen kann gegeben werden, um die Entzündung lokal zu drosseln.

Welche operativen Möglichkeiten stehen zur Verfügung, wenn Menschen mit Hidradenitis suppurativa an schwereren Verläufen mit Fistelgängen leiden?

Dr. Posch: Sogenannte Fisteln, also Verbindungsgänge von außen nach innen, bilden sich vor allem bei schweren Formen der HS. Fisteln müssen in der Regel operiert werden. Chancen und Risiken von Operationen sind natürlich im Vorfeld mit dem behandelnden Arzt sorgfältig abzuwägen. Denn eine Operation ist auch eine Belastung des Körpers und die Wundheilung kann je nach Art und Größe der Operation einige Monate dauern. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Entzündungen an der operierten Stelle nicht wieder auftreten. Für den Erfolg einer Operation ist entscheidend, ob das gesamte entzündliche Areal entfernt wurde.

Es gibt unterschiedliche Operationsverfahren. Gute Erfolge gibt es mit der sogenannten sekundären Wundheilung, das heißt die Haut im Operationsgebiet wird nicht zusammengenäht, sondern es wird abgewartet, dass sich die Wunde langsam selbst verschließt. Plastische Chirurgen wenden unter anderem Rotationsplastiken an, wobei ein Stückchen Haut präpariert und in den Defekt hereingedreht wird. Eine weitere Möglichkeit ist die Hauttransplantation.

Gibt es weitere Optionen zur Behandlung einer mäßigen bis schweren Hidradenitis suppurativa?

Bei mittelschweren bis schweren Formen können auch Biologika in Form von TNF-alpha-Blockern zum Einsatz kommen. Ziel einer Biologika-Therapie ist es, die Krankheitsaktivität zu bremsen. TNF-alpha ist ein Entzündungsfaktor, der im Körper bei unterschiedlichen Entzündungsprozessen involviert ist. Mit einem TNF-alpha-Blocker kann die Entzündung somit gedrosselt werden. Biologika beinhalten Antikörper, die mit Spritze oder Pen injiziert werden, und die ihre Wirkung im gesamten Körper entfalten. Untersuchungen belegen, dass Patienten weniger Schmerzen und Beschwerden haben.

Wie belastet die Hidradenitis suppurativa das Leben und den Alltag von Patienten?

Die HS reduziert die Lebensqualität der Patienten massiv. Keine andere Hauterkrankung belastet Patienten in so einem Ausmaß. Besonders schwierig ist die Situation für Patienten, die kein gutes soziales Netzwerk oder wenig Rückhalt in der Familie haben. Die Schmerzen und Beschwerden können dazu führen, dass sich die Menschen mit HS zurückziehen, Kontakte meiden und nicht mehr aktiv sind. Manche verlieren sogar ihren Job und das kann schnell in eine Abwärtsspirale führen.

Dabei ist es wichtig, so gut wie möglich das Leben weiterzuführen und darauf zu achten, dass man aktiv im Job bleibt. Denn die Arbeit sorgt auch für etwas Abwechslung, wenn man die Gedanken woanders hin lenken kann.

Die Acne inversa-Gesprächsnachmittage

Andere Acne inversa-Patienten treffen und sich mit Experten austauschen steht ganz im Mittelpunkt des Gesprächsnachmittags. Experten geben wertvolle Tipps. Andere Patienten schildern ihre Erfahrungen mit der Erkrankung und bringen dadurch neue Perspektiven.

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